| Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision |
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Beginnen wir bei den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, mit dem Niedergang der ‹Nouvelle Vague›, deren Filme seit über zwanzig Jahren zur Spitze gehörten ... nach kultureller Logik. Das Publikum wendet sich vermehrt Hollywood-Produktionen zu ... nach kommerzieller Logik. Die Unterhaltungsindustrie wird zu einem stark wachsenden Sektor, und um die Kontrolle ihrer Märkte wird weltweit bitter gekämpft.
Parallel dazu greifen immer mehr Industriezweige (Tourismus, Forschung, Dienstleistungen aller Art) zu audiovisuellen Mitteln. Die audiovisuelle Kommunikation wird zu einem Schlüsselelement der Promotion für Produkte.
Schliesslich bietet die Entwicklung der Technologie, die Digitalisierung der Postproduktion und schliesslich der Produktion, neue Möglichkeiten, welche die Filmschaffenden noch nicht ausreichend beherrschen.
Die Gemeinschaft der Filmschaffenden begreift, dass ihre Synergie mit den Anliegen der Gesellschaft der 70er Jahre nicht mehr ausreicht, um mit ihren Filmen ein breites Publikum anzusprechen. Von daher drängt sich die Frage der Kompetenzen, der Professionalisierung auf – auch wenn das Problem der chronisch ungenügenden Mittel weiterhin im Mittelpunkt steht:
Die Hellsichtigkeit der Gründer
Vor diesem Hintergrund wurde FOCAL, die Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision, im Juni 1990 gegründet. Das Besondere daran war, dass die Schweizer Filmbranche FOCAL als nationale Dachorganisation gründete; sie ‹gehört› den Berufsverbänden gemeinsam und ist unabhängig von privaten Interessen der Filmindustrie. Das Angebot der Stiftung deckt die ganze Produktionskette ab: Drehbuch- und Projektentwicklung, Produktion, Märkte und Rechtsfragen, Inszenierung, Schauspielführung, Interpretation, Trickfilm, Bild, Ton und Licht, Postproduktion, Verleih und Auswertung sowie die neuen Technologien des Filmbereichs.
Weiter war besonders, dass die Branche FOCAL als Stiftung von öffentlichem Interesse gegründet hat. Das bedeutet, dass sie allein für ihre Führung verantwortlich ist; Stiftungsrat und Stiftungsausschuss bestehen im Wesentlichen aus Delegierten der Berufsverbände der Filmbranche.
Die dritte Besonderheit ist, dass die Stiftung zum grössten Teil vom Bundesamt für Kultur subventioniert wird, das ja unter anderem für die Filmförderung zuständig ist. FOCAL ist somit eine kulturelle Organisation, und nicht eine Bildungsstätte im akademischen Sinn. Dank der Unterstützung des BAK verfügt die Stiftung zudem über eine pauschale Finanzierung ihrer Aktivitäten; sie muss die Programme nicht einzeln finanzieren lassen. Das macht es ihr möglich, ihre Weiterbildungspolitik längerfristig zu definieren, Erfahrungen zu sammeln und Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen und in die Entwicklung neuer Projekte und Weiterbildungsmodelle zu investieren.
Diese Umstände machen FOCAL zu einem in der Branche gut verankerten, pragmatischen Dienstleistungsbetrieb, der nah an den Bedürfnissen der Filmschaffenden dran bleibt. Was die Stiftung anbietet, wird nicht ‹von oben herab› diktiert, sondern entsteht aus der Entwicklung der Film- und Audiovisionsberufe und der Filmproduktion als Ganzes heraus.
In den 20 Jahren seit ihrer Gründung hat FOCAL über 700 Veranstaltungen (Seminare, Workshops, Kolloquien usw., insgesamt 3700 Weiterbildungstage) produziert, bzw. koproduziert. Der Zufriedenheitsgrad der Teilnehmenden liegt, gemessen an der Nützlichkeit der Weiterbildung für die berufliche Entwicklung, bei über 90 %.
Eine Studie über eine Periode von 15 Jahren zeigt überdies, dass 26 % der Filmprojekte, die in unseren Drehbuchkursen entwickelt worden waren, verfilmt worden sind. An den Filmen, welche in der Schweiz produziert wurden, arbeiteten zudem zahlreiche Filmschaffende mit, die unsere Seminare besucht hatten und auch gerne anerkennen, dass das Gelernte in diese Filme einfliessen konnte. Alles in allem ein positives und ziemlich beeindruckendes Resultat.
Währenddessen in Europa ...
In den letzten beiden Jahrzehnten ist in Europa eine ganze Reihe an Aus- und Weiterbildungsinitiativen aus dem Boden geschossen. Die einzige Studie 1, die es darüber gibt – eine 2003 von MEDIA in Auftrag gegebene Recherche – zählt über 540 Bildungsangebote (an Schulen, Universitäten, Weiterbildungsorganisationen usw.) in 32 europäischen Ländern. Das ist viel.
Im Bereich der Weiterbildung für die Filmbranche unterstützt MEDIA seit 1990 rund 50 Programme, die insgesamt etwa 500 Seminartage für 1500 Filmschaffende, in erster Linie für Produzenten, Regisseure und Drehbuchautoren, umfassen.
Die allgemeinen Ziele der unterstützten Weiterbildungsinstitutionen bestehen in groben Zügen darin,
Für die Unterstützung der Programme wendet MEDIA zur Zeit jährlich ca. 6 Mio. Euro auf. Der gleiche Betrag muss aus anderen Quellen (Fördergelder, Teilnehmergebühren usw.) kommen, d.h., es werden jährlich etwa 12 Mio. Euro in Weiterbildung investiert. Ob man das nun viel oder wenig, die Qualität gut oder schlecht findet: Die Zahlen zeigen, dass seit 20 Jahren tatsächlich Anstrengungen unternommen werden, um die Film- und Audiovisionsbranche zu professionalisieren.
In dieser Zeit blieb der Marktanteil der europäischen Filme in Europa erstaunlich stabil (bei ca. 7 %), während sich die Anzahl der in Europa produzierten Filme in derselben Zeitspanne verdoppelte, nämlich von 500 auf 1000 pro Jahr. Für die Produktion dieser Spielfilme werden jährlich rund 2,5 Milliarden Euro ausgegeben. Im Verhältnis zur Investition in die Filmproduktion macht die Investition in die Weiterbildung somit nur 0,5 % aus. Das ist wenig.
Weiterbildung und Produktion
Besteht zwischen der Stagnierung des Marktanteils der europäischen Filme und der Weiterbildung ein Zusammenhang? Die Anhänger der Theorie des halbleeren Glases sehen darin die Bestätigung der Nutzlosigkeit der Weiterbildung. Die Anhänger des halbvollen Glases vertreten die Meinung, die Situation des europäischen Films sähe ohne die Anstrengungen im Weiterbildungsbereich noch viel düsterer aus.
Einig ist man sich jedoch darin, dass der europäische Film in Zukunft gestärkt werden muss. Nebst der Förderung von Produktion und Vertrieb ist diese Konsolidierung von drei Dingen abhängig, bei denen die Weiterbildung unserer Meinung nach eine zentrale Rolle zu spielen hat:
1. Bessere Entwicklung der Filmprojekte: Auch wenn das Drehbuch ein Eckpfeiler für die Qualität eines Films und für den Publikumserfolg bleibt, stehen hier die Kompetenzen der Produzenten, der Autoren-Regisseure und der Drehbuchautoren, vor allem aber ihre Fähigkeit, eine fruchtbare Beziehung untereinander zu pflegen, im Vordergrund. In diesem heiklen und komplexen Zusammenspiel ist Weiterbildung gefragt. Allerdings muss sie die Inhalte, die Formen und die Methoden sorgfältig den Veränderungen der Berufsprofile anpassen. Wenn die für die jeweiligen Projektentwicklungsprogramme engagierten Experten zum Beispiel lange den ‹creative Producer› beinahe ersetzten (der Experte und der Autor arbeiten zusammen, und der Produzent wird am letzten Tag eingeladen, um sich das Fazit anzuhören), so müssen sie sich heute stärker in den Dienst des Austauschs zwischen Autor und Produzent stellen. Schliesslich muss die Rechnung am Ende bei diesem Paar aufgehen, und dieses muss über die Fähigkeiten verfügen, sie zu lösen. Sozusagen Eheberatung statt Psychotherapie...
2. Erhaltung der technischen Qualität: Das europäische Publikum ist an den technischen Standard (Bild, Licht, Ton) der amerikanischen Grossproduktionen gewöhnt. In der heutigen Zeit, in der Bildschirme in zahlreichen Formen existieren und, etwas überspitzt gesagt, jeder mit seinem Handy einen Film drehen kann, ist es wichtig, dass die professionell gemachten Werke der europäischen Filmindustrie auch technisch wettbewerbsfähig bleiben. Der Film hat im Lauf der Geschichte immer wieder technische Entdeckungen stimuliert und integriert. Oder anders gesagt: Die Technik inspiriert den Film und der Film inspiriert die Technik. Heute stellt HD eine Herausforderung dar, morgen wird es etwas anderes sein. Demzufolge ist es wichtig, dass die Weiterbildung fortlaufend auch die technische Dimension und das Know-how einbezieht und dass sie als Raum dient, wo die Filmschaffenden Gelegenheit haben, ihre Berufspraxis anzupassen.
3. Mobilisierung der Kräfte: Die Filmproduktion bedarf zahlreicher Disziplinen, deren Interessen sich manchmal widersprechen. Deren Zusammenspiel bei der Realisierung eines Films ist komplex, paradox, oft eine Gratwanderung – und das in einem immer internationaleren Kontext. Dies erfordert von allen Akteuren der Produktionskette ausgeprägte Lebensfähigkeit und Know-how (‹how-to-be› und ‹how-to-do›), wenn sie ihren Platz halten wollen. Die Weiterbildung muss demnach ein Raum für Begegnung, Vernetzung und das Entwickeln neuer Ideen sein, wo eingeschliffene Modelle, Denk- und Arbeitsweisen hinterfragt und Alternativen ausprobiert werden können: ein Kräftereservoir also.
All dies erscheint mir sehr erstrebenswert, aber auch heikel. Es braucht Scharfsinn, Erfindungsgeist und ein bisschen Kühnheit um Weiterbildungsprogramme zu entwickeln, bzw. anzupassen, die hinsichtlich der drei oben erwähnten Thesen tatsächlich etwas bewirken sollen. «Weiterbildung bedeutet eine Ausnahmesituation, ein vorübergehendes Aussteigen aus dem Alltäglichen. Die Herausforderungen, die dazu anregen, können nicht anspruchsvoll genug sein. Dazu gehört auch: Weiter/ Bildung darf nicht bequem sein, darf kein didaktisch-pädagogischer Wattebausch sein». 2
In diesem Sinn werden wir die Geschichte weiter schreiben…
Pierre Agthe
1 ‹Study of Continuous Training for Audiovisual Professionals in 32 European Countries › (Olsberg/ SPI, 2005) >zurück zum Text
2 Siegfried Zielinski anlässlich eines Referates an einem unserer Seminare >zurück zum Text
im FOCAL-Programm 2010/1 veröffentlichter Text
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